Mahl nach Zahl

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Mahl nach Zahl

Beitragvon raulifauli am 04.09.2005 00:51

Mahl nach Zahl

Der Zwang, sich gut zu ernähren, plagt vor allem Mädchen/Von Katrin Hummel

01. August 2005 FRANKFURT, im August. Eigentlich waren die Ansbachers aus Wien eine ganz normale Familie: der Vater Angestellter, die Mutter Hausfrau, die Töchter zehn und acht Jahre alt. Nur interessierte sich Petra Ansbacher schon immer stark für gesunde Ernährung. Sie verschlang alle Artikel in Frauenzeitschriften zum Thema und gab sich große Mühe, ihre Familie so gesund wie möglich zu ernähren. Eines Tages fiel ihr ein Buch zum Thema "Makrobiotik" in die Hände. Darin stand, verkürzt, daß der Mensch am besten nur Getreide essen und nichts trinken solle. Petra Ansbacher war begeistert. Es war auf einmal alles so einfach - und gleichzeitig einfach kompliziert.


Denn sie begann, den Speiseplan der Familie umzustellen. Zuerst wurde sie belächelt. Aber als die anderen merkten, daß es ihr ernst war, verging ihnen das Lachen. Peter Ansbacher wurde von seiner Frau als Verräter hingestellt, wenn er abends nach Hause kam und nach Kaffee oder Süßigkeiten roch. Die Kinder aßen heimlich bei ihrer Großmutter. Die Ehe der Ansbachers kriselte. Dann ging die Großmutter zum Arzt. "Sie suchte Hilfe, weil ihre Tochter keine Einsicht zeigte", sagt Ingrid Kiefer vom Institut für Sozialmedizin des Universitätsklinikums in Wien, die den richtigen Namen der Ansbachers nicht preisgeben möchte. Kiefer betreut in der Ernährungsberatungsstelle Menschen, die ihre Ernährungsweise mit einer starken Besessenheit verfolgen und bestätigt sehen wollen, daß gesund ist, was sie tun. Den Ansbachers rieten Kiefers Kollegen zunächst zur Paartherapie. Ingrid Kiefer erklärte Petra Ansbacher, daß ihre Ernährungsgewohnheiten zu extrem seien. Nicht nur Körner seien wertvoll. Nicht alle anderen Nahrungsmittel seien schlecht. Außerdem wies Kiefer darauf hin, daß die Kinder ohne Eiweiß, Kalzium, Obst und Gemüse mit Entwicklungsstörungen, Knocheninstabilität und Wachstumsstörungen zu rechnen hätten. Petra Ansbacher ließ sich schließlich überzeugen.

Aber was genau war eigentlich ihr Problem? Nach Meinung von Ingrid Kiefer litt Petra Ansbacher an einer seltenen Eßstörung mit dem Namen Orthorexie. Der Begriff stammt von dem Amerikaner Steven Bratman, einem ehemaligen Koch und Ökolandwirt, der sich als "Alternativmediziner" bezeichnet. Bratman entwickelte den Begriff Orthorexia nervosa 1997 in Anlehnung an den Begriff Anorexia nervosa (Magersucht), indem er die griechische Vorsilbe "ortho" (gerade, richtig) ins Spiel brachte. Demnach ist Orthorexie eine Eßstörung, die sich in einer übersteigerten Fixierung auf gesunde Nahrungsmittel äußert. Zum ersten Mal war Bratman in den Achtzigern damit konfrontiert - als Koch einer großen Kommune im Staat New York. Während bei Anorektikern die Menge der Nahrung im Vordergrund steht, ist es bei Orthorektikern die Qualität.

In Deutschland wird der Begriff "Orthorexie" von den Medizinern zwar zurückhaltend verwendet. Aber es gibt einige, die in jüngerer Zeit von Patienten mit den beschriebenen Symptomen aufgesucht wurden. "Solche Fälle haben wir immer häufiger", sagt Ralf-Joachim Schulz, Oberarzt der Abteilung Gastro-Enterologie an der Berliner Charite. Er sieht eine der Ursachen im Trend zu gesunder Ernährung: "Durch die Ökobewegung wird suggeriert, daß andere Nahrung minderwertig sei und künstlich, fast schon gesundheitsgefährdend." Das Bemühen, hochwertige von minderwertigen Nahrungsmitteln zu unterscheiden, könne bei besonders anfälligen Personen in Orthorexie münden. So seien die meisten der etwa zehn Orthorektiker, die er zur Zeit behandle, belesene Menschen, die sich ein eigenes Bild davon machen, was gut für sie ist. Ein Patient lasse sich zum Beispiel seine Hirse direkt aus Afrika mitbringen, statt sie im Bioladen zu kaufen, und scheue dafür weder Kosten noch Mühen. Eine andere Patientin, etwa 55 Jahre alt, Akademikerin in leitender Funktion, beschäftige einen eigenen Koch, um das in Bioläden besorgte Gemüse auf spezielle Art zu dämpfen. Schulz sagt: "Es gibt nicht den typischen Orthorektiker. Jeder ißt anders."

Steven Bratman berichtet von Kommunarden, die alle Zwiebelgewächse gemieden hätten, da die sexuelle Begierden hervorriefen. Andere hätten sich geweigert, Nahrung zu essen, die in Pfannen oder Töpfen zubereitet worden sei, in denen zuvor Fleisch gegart wurde - weil diese sonst von fleischlichen Schwingungen verseucht worden wäre. Wieder andere hätten "todbringende" Nachtschattengewächse wie Kartoffeln, Tomaten oder Auberginen gemieden oder Gemüse nur unzerschnitten zu sich genommen, weil sonst das Energiefeld zerstört worden wäre. Das Waschen von Gemüse sei ebenfalls umstritten gewesen. Der mühevolle Akt richtigen Essens habe bei den Kommunarden den Charakter eines Gottesdienstes angenommen. Bratman selbst konnte gegen Ende seiner Zeit in der Kommune kein Gemüse mehr essen, das vor mehr als einer Viertelstunde geerntet worden war. Er sei strenger Vegetarier gewesen, habe jeden Bissen fünfzigmal gekaut und seinen Magen bei den Mahlzeiten nur zum Teil gefüllt. Wer Schokolade und Pommes Frites in sich hineinstopfe, sei für ihn bloß ein Tier gewesen, das sein Begierden zu befriedigen suche. Ein Pater habe ihn auf den rechten Weg zurückgeführt.

Es gibt jedoch auch Patienten, die aus der Orthorexie in die Magersucht abgleiten. Daher warnt Gerhard Jahreis, Direktor des Instituts für Ernährungswissenschaften an der Universität Jena, Orthorexie sei eine "Einstiegsdroge" für schwerere Formen der Eßstörung wie Magersucht und Bulimie. Die Französin Marilyn Vignon etwa, eine 24 Jahre alte Studentin aus Lyon, nahm in den vergangenen neun Jahren zehn Kilo ab. Jetzt wiegt sie bei einer Körpergröße von 1,55 Metern noch 28 Kilogramm. Im Alter von fünfzehn Jahren hatte sie dem Vortrag einer Ernährungswissenschaftlerin gelauscht. Fortan las sie alles über das Thema. Bald aß sie nicht mehr, was ihre Mutter zubereitet hatte, sondern kochte selbst. Die Zutaten kamen aus dem Bioladen, alle Inhaltsstoffe und Nährwerte kontrollierte sie streng. Die Zeiten für die Einnahme ihrer Mahlzeiten legte sie minutiös fest. Wenn sie außer Haus essen mußte, hatte sie eine Notration eigener Nahrungsmittel dabei. Kuhmilch, Kuchen, Wurst und schwere Soßen sind für sie bis heute tabu.

Christian Ehrig, Oberarzt an der medizinisch-psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee, ist angesichts solcher Schicksale anderer Meinung als Jahreis. Er sagt zu dem Begriff Orthorexie: "Ich bekomme Magenschmerzen bei so einer Wortschöpfung. Wenn Leute sich so einem Speiseplan unterwerfen, sind sie schwer krank, das ist die ganz harte Kost, auch für uns Therapeuten, und sehr schwer zu behandeln." Seiner Meinung nach handelt es sich bei "Orthorektikern" um Menschen, die unter einer Kombination aus Magersucht und Zwangsstörung leiden, "einem ritualisierten, rigiden Korsett, das wenig Flexibilität in bezug auf Ernährung möglich macht und zu dem eine gehörige Portion Realitätsverleugnung gehört". Detlev Nutzinger, ärztlicher Direktor der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt und Professor für Psychosomatik an der Universität Lübeck, hält den Begriff "Orthorexie" ebenfalls für ungenügend: "Bei eßgestörten Patientinnen muß der zwanghafte Umgang mit Nahrungsmitteln nicht auf die Kalorienzufuhr beschränkt sein. Er kann sich auch darauf erstrecken, ob etwas gesund oder ungesund ist." Gefährdet für Orthorexie seien neben Mädchen und Frauen, bei denen das Risiko für eine Anorexie erhöht sei, vor allem Menschen mit somatoformen Störungen, das heißt Personen, die sich krank fühlten, ohne daß organische Ursachen vorlägen. Ebenfalls gefährdet seien Personen, bei denen die Schulmedizin versagt habe.

Extremstes Beispiel dafür ist die Amerikanerin Kate Finn aus Kalifornien, die während ihrer Studienzeit Anfang der Neunziger aufgrund chronischer Verdauungsprobleme mit einer speziellen Diät begann. Infolge der Diät nahm die Yogalehrerin immer mehr ab, die Ärzte diagnostizierten Anorexie. Doch Kate Finn widersprach. Sie wolle schließlich nicht abnehmen, sondern sich gesund ernähren. Vor anderthalb Jahren starb sie an Unterernährung.


Text: F.A.Z., 30.07.2005, Nr. 175 / Seite 8
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